Bericht der unabhängigen Aufarbeitungskommission
Stellungnahme des Vorstands des HSV Weimar zur Veröffentlichung des Aufarbeitungsbericht zu den Missbrauchsfällen in der Turnabteilung des Vereins
Am 28. August 2026 wurde der Abschlussbericht der vom Landessportbund Thüringen eingesetzten unabhängigen Aufarbeitungskommission zu den Missbrauchsfällen in der Turnabteilung des HSV Weimar vor rund einem Jahrzehnt der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Zwischen 2007 und 2015 missbrauchte ein Turntrainer des HSV Weimar über acht Jahre hinweg minderjährige Sportlerinnen psychisch und sexuell. Der Fall wurde im Jahr 2016 aufgedeckt, nachdem sich eine der Betroffenen zur Anzeige entschlossen hatte. Nach einer ersten Verurteilung zu einer mehrjährigen Haftstrafe im September 2018, die vom BGH teilweise aufgehoben wurde, wurde der Täter im März 2022 wegen des sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen rechtskräftig zu drei Jahren und zwei Monaten Haft verurteilt.
Die unabhängige Aufarbeitungskommission wurde vom Landessportbund Thüringen mit dem Ziel eingesetzt, ergänzend zur juristischen Aufarbeitung, die strukturellen Umstände im HSV Weimar zu beleuchten, die den Missbrauch über so viele Jahre ermöglichten oder begünstigten. Dazu hat die Kommission zahlreiche Gespräche mit Betroffenen, damals Verantwortlichen des HSV Weimar sowie weiteren Beteiligten geführt.
Mit dem Amtsantritt eines neuen Vereinsvorstands im Jahr 2019 rückte das Thema Kinderschutz umfassend in den Fokus der Arbeit der Gremien des HSV Weimar. Die Verankerung des Kinderschutzes in der Vereinssatzung, die Pflicht zur Vorlage eines erweiterten Führungszeugnisses für alle im Nachwuchsbereich tätigen Trainerinnen und Trainer, die Formulierung eines Verhaltensleitfadens für Übungsleiterinnen und Übungsleiter sowie von Regeln für ein respektvolles und aufmerksames Miteinander waren notwendige erste Schritte. Die Berufung einer Kinderschutzbeauftragten, später einer Arbeitsgruppe Kinderschutz als erste Ansprechpersonen für alle Vereinsmitglieder in Fragen des Kinderschutzes, die enge Zusammenarbeit mit dem Kinderschutzbeauftragten des Landessportbundes Thüringen zur Erarbeitung und Umsetzung eines Präventionskonzepts „Sportverein aktiv im Kinderschutz“ für den HSV Weimar waren und sind weitere wichtige Meilensteine auf diesem Weg.
In dieser Zeit führten die Vereinsverantwortlichen zahlreiche Gespräche mit Personen, die sich beruflich oder ehrenamtlich intensiv mit Fragen des Kinderschutzes und der Aufarbeitung solcher Taten beschäftigen, mit Vertreterinnen des Kinderschutzdienstes, mit Juristen, mit Journalistinnen und Autoren. Dadurch wurde in den Leitungsgremien des HSV ein Lernprozess in Gang gesetzt: Wenn wir im HSV Weimar den Kinderschutz glaubhaft und nachhaltig verankern wollen, ist das ohne eine konsequente und vorbehaltslose Aufarbeitung der Missbrauchsfälle vor zehn Jahren im Verein nicht möglich. Es geht in diesem Moment nicht darum den Verein „zu schützen oder zu rehabilitieren“, sondern es geht darum, den Betroffenen gerecht zu werden, ihnen Gehör und Stimme zu verleihen, das den Betroffenen widerfahrene Unrecht und deren Folgen als HSV Weimar anzuerkennen und das Schweigen zu beenden.
Diese Überlegungen waren für den Vorstand des HSV Weimar ausschlaggebend, die Einsetzung einer unabhängigen Untersuchungskommission durch den LSB zu unterstützen. Der Verein hatte dazu einen eigenen Fragenkatalog an die Kommission übermittelt und seine Erwartungen an die Arbeit der Kommission formuliert.
„Der HSV Weimar hat die Arbeit der Aufarbeitungskommission von Beginn an unterstützt und sich trotz der langen Verfahrensdauer und den damit verbundenen Herausforderungen stets zu einer offenen Kooperation bereit erklärt. Dies geschah im Bewusstsein, dass nur eine vollständige Aufklärung der Vergangenheit die Grundlage für einen wirksamen Schutz von Kindern und Jugendlichen in der Zukunft bilden kann“, sagt HSV-Vorstand Matthias Stieff.
Nach nunmehr vier Jahren hat die Aufarbeitungskommission ihren Abschlussbericht vorgelegt. Noch einmal wird deutlich, mit welch krimineller Energie der Täter vorgegangen ist und welches Leid er bei den Betroffenen ausgelöst hat. Der Bericht macht aber auch deutlich, dass im HSV Weimar und speziell in der Turnabteilung zum damaligen Zeitpunkt ein Klima vorherrschte, das diese Taten begünstigt und zugelassen hat. Diese schmerzhafte Wahrheit müssen wir als Verein, als Abteilung Turnen und auch als Einzelperson anerkennen. Deshalb hat der Vorstand des HSV Weimar der Veröffentlichung des Abschlussberichts zugestimmt und beschlossen, den Bericht auf der Homepage des Vereins der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Im Bericht wird die heutige Leiterin der Geschäftsstelle des HSV Weimar, Saskia Ghandour, mehrfach erwähnt. Saskia war und ist Übungsleiterin und Mitglied der Turn-Abteilungsleitung. „Ich bin emotional tief betroffen, dass ich damals die Missbrauchsfälle nicht wahrgenommen habe, Anzeichen nicht gedeutet und eingeordnet und die Betroffenen nicht geschützt habe. Ich bitte die Betroffenen aufrichtig um Entschuldigung. Ich werde mich wie schon in den zurückliegenden Jahren intensiv und mit größtem Engagement für den Kinderschutz im HSV Weimar einsetzen. Der Verein und die Turnabteilung unterstützten meine Bemühungen, wofür ich sehr dankbar bin.“
„Der Bericht ist keine Chronik der Geschehnisse, sondern hat die Position und Sicht der Betroffenen in den Vordergrund gestellt und ist damit ein wichtiger Beitrag auf dem Weg zur Verantwortungsübernahme durch den HSV sowie Ausgangspunkt für eine wirkliche Aufarbeitung im Verein. Daraus ergeben sich wichtige Impulse für die zukünftige Präventionsarbeit des HSV Weimar, aller Sportvereine in Thüringen und darüber hinaus“, sagt HSV-Vorstand Matthias Stieff.
Auch wenn die Gerichte ihre Arbeit getan haben und die Aufarbeitungskommission ihre Erkenntnisse vorgelegt hat, bedeutet dies für den HSV Weimar nicht das Ende der Verantwortung.
Der HSV Weimar übernimmt die Verantwortung für die Versäumnisse und Unzulänglichkeiten in der Vergangenheit. Den Betroffenen gilt unser Respekt, unser Mitgefühl und wir bitten die Betroffenen nochmals um Entschuldigung.
Gleichzeitig unternimmt der HSV Weimar alles, um dem Anspruch gerecht zu werden, ein sicherer Ort für Kinder und Jugendliche zu sein, an dem gegenseitiges Vertrauen und kritische Distanz eine Atmosphäre des Schutzes und der Geborgenheit schaffen.
Es geht um die weitere Veränderung der Kultur, der Sprache und des Umgangs miteinander im Verein.
Es ist eine unserer wichtigsten Aufgaben, Kinder stark zu machen, ihnen deutlich zu erklären, was erlaubt ist und was nicht und dass sie „Nein“ sagen dürfen!
Weimar, den 30. August 2026